Festival der Heiteren Muse

Geschichte der Operette

Von der Muse geküsst...

Als Geburtsstunde der Operette gilt der 5. Juli 1855. An diesem Tag eröffnete der 34-jährige Komponist, Dirigent und Cellovirtuose deutsch-jüdischer Herkunft Jacques Offenbach sein kleines Theater „Bouffes-Parisiens“ direkt vor den Toren der ersten Pariser Weltausstellung. Das Eröffnungsstück „Die beiden Blinden“ mit nur zwei agierenden Personen ging als erste moderne Operette in die Musikgeschichte ein.

In Werken des jungen Offenbach ist der Einfluss seiner älteren Zeitgenossen wie Adolphe Adam oder D.-F.-E. Auber unüberhörbar. Doch spätestens in seiner ersten abendfüllenden Operette „Orpheus in der Unterwelt“ (1858), der über achtzig andere Werke folgten, fand der Wahl-Pariser zu seinem unverwechselbaren Stil – einer pikanten Mischung aus scharfen Rhythmen, schwungvollen Melodien, glänzender Orchestrierung, zeitgenössischer Gesellschaftskritik, ironischer Übertreibung und echter Lyrik.

Nicht zufällig war es gerade Jacques Offenbach, der seinen Wiener Kollegen – den Walzer-König Johann Strauß (Sohn) – anregte, sich ebenfalls im Genre der Operette zu versuchen. Mit der Uraufführung der legendären „Fledermaus“ begann 1874 die goldene Ära der Wiener Operette, zu deren Glanzpunkten beliebte und oft gespielte Klassiker wie „Eine Nacht in Venedig“ (1883) von Johann Strauß oder „Der Bettelstudent“ (1882) von Karl Millöcker gehören. Mit „Die lustige Witwe“ (1905) von Franz Lehár begann das Zeitalter der Silbernen Operettenära wozu solche Werke wie „Das Land des Lächelns“ (1929),„Die Czárdásfürstin“ (1915) und „Gräfin Mariza“ (1924) von Emmerich Kálmán oder Leo Fall „Die Dollarprinzessin“ (1907) zählen.

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Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts bekam die Donau-Metropole eine starke Konkurrenz mit der Berliner Operette: mit „Frau Luna“ (1899) von Paul Lincke war die erste bedeutende Berliner Operette verfaßt. Mit Werken wie „Drei alte Schachteln“ (1917) von Walter Kollo, „Der Vetter aus Dingsda“ (1920) von Eduard Künneke, „Im weißen Rößl“ (1930) von Ralph Benatzky und vielen anderen wurde Berlin zu einer Operetten-Stadt von Weltrang.

Seit den 1920er Jahren – nicht zuletzt Dank der „zehnten Muse“, dem Film – wirkte die Operette mit dem damals neuen Genre der Tonfilmoperette (Werner R. Heymann, Franz Grothe, Friedrich Holländer, u. a.) und der Revueoperette weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Das führte zur Entstehung neuer nationaler Operettentraditionen, beispielsweise in Spanien (Zarzuela), Tschechei, Slowakei, Polen oder in Rußland.

Selbst der Schöpfer erhabener Sinfonien Dimitri Schostakowitsch konnte dem Charme der „leichten Muse“ nicht  widerstehen und komponierte 1959 sein heiterstes Werk, die Operette „Moskau-Tscheremuschki“.

Seit den 1950er Jahre vermischen sich zunehmend die Gattungsgrenzen der klassischen Operette mit denen des modernen Musicals und der Rockoper. Zu den letzten bedeutenden Operettenwerken unserer Zeit zählen „In Frisco ist der Teufel los“ (1956) von Giudo Masanetz und „Messeschlager Gisela“ (1960) von Gerd Natschinski.

Die großen Traditionen der Kunstgattung Operette leben bis heute weiter und sind fester Bestandteil der Spielpläne vieler Theater und Festspiele wie z. B. Seefestspiele Mörbisch (A), Elblandfestspiele Wittenberge (D). Die beliebten Werke der Operettenliteratur haben damals wie heute ein großes Publikum gefunden und allen Widrigkeiten zum Trotz begleitet diese amüsante Kunstgattung uns bis heute mit einer faszinierenden Aura voller Charme, Esprit und einmaligem Melodienreichtum.

Ildar Kharissov